Gefangen im Netz. Teil 1

Aktualisiert: 9. Nov. 2021


Wenn ich freundlich und mitfühlend mit mir selbst umgehen möchte, muss ich mir erst einmal eingestehen, dass es mir schlecht geht oder auch, dass mir etwas nicht guttut.

Schonungslos anerkennen, wie es mir tatsächlich geht.


Heute Morgen bin ich soweit, genau hinzusehen, wie viele Stunden ich am Bildschirm verbringe. Es ist schockierend, auch peinlich.

Permanent Emails checken, Social Media Posts anschauen, Fotos und Filmchen posten, Infos, Nachrichten, Gebrauchsanweisungen, Filmtrailer ansehen, endlos Preise vergleichen, Rezensionen zu Filmen, Büchern, Schuhen, Regenjacken und Taschenkalendern lesen. Sinnlos Herumscrollen.

Die Stunden am Bildschirm plätschern dahin und ich bin zutiefst gelangweilt. Müde, erschöpft und zutiefst gelangweilt. Gut, das einmal auszusprechen.


In einem meiner Workshops erzählt eine junge Frau, der einzige Moment, in dem sie ihr Smartphone nicht benutzt ist im Flugzeug, denn sie muss es auf Flugmodus stellen. Das ist ein schöner Moment für sie. Unglaublich entspannend, sagt sie. Ich hatte am Anfang des Workshops vorgeschlagen das Smartphone auszustellen. Das gab ihr die Erlaubnis, es auch am Boden zu tun.


Eine der Retreatteilnehmerinnen ist nach dem Meditationsretreat verzweifelt, da sie den Code für ihr Handy nicht weiss. Als ich nachfrage, sagt sie, sie hat es vorher noch nie ausgestellt.


Wahrscheinlich ist das mittlerweile normal. Immer angedockt sein.

Ich bin aus einer Generation, die nicht mit dem Internet aufgewachsen ist. Deshalb bin ich erstaunt, wie es soweit kommen konnte mit mir. Auch überrascht, dass es gerade die Langeweile ist, die als Gefühl auftaucht. Denn erst einmal scheint es ja kurzweilig, aufregend und inspirierend zu sein. Dann schnell wie ein Sog, der mich hineinzieht.


Diese komische Stille, wenn mehrere Menschen gemeinsam in einem Raum sitzen und in ihr Smartphone schauen. In solchen Momenten ist dieser Sog für mich fast spürbar. Und nicht leicht zu ertragen.


Die erschöpfte Langeweile ist mir zuwider.


Mein Wochenexperiment: Ich stelle die Bildschirme ab (wenn ich nicht arbeite) und beobachte, was auftaucht. Nächste Woche berichte ich davon. Falls ich wiederkomme.


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